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#10 Türkei - Schwarzes Meer, Dauerregen und Weihnachtspause (Teil 3)


Auf einen Blick:

- 4. Dezember 2018 (Tag 143) - 06. Jänner 2019 (Tag 176)

- Route: Sinop - Cide - Bartin - Istanbul

- seit Salzburg 5417km geradelt

- Ausgaben: 672 Euro für 2 Personen



Wir befinden uns immer noch in einem tranceartigen Zustand, als wir unsere Höhlenidylle im märchenhaften Kappadokien verlassen und in den Bus Richtung Schwarzmeerküste steigen. Kaum haben wir die Räder im Laderaum des Reisebusses verstaut, werden wir jedoch unsanft in die Realität zurück geholt. „Die Räder kosten extra!“ Fünf Männer, die in nicht eindeutig erkennbarer Beziehung zu dem Busunternehmen stehen, haben sich rund um uns aufgestellt und geben uns unmissverständlich zu verstehen, dass sie für den Transport unserer Räder weitere 100 Türkische Lira wollen. Reini und ich schauen uns verärgert an: „Das sind 28 Euro, also noch mal so viel wie unsere Tickets...“ Die Situation kommt nicht ganz überraschend, wir wurden bereits vor solchen Eventualitäten gewarnt, auch wenn beim Kauf des Tickets ausdrücklich festgehalten wurde, dass die Räder „no problem and for free“ sind. Allerdings hat uns einer unserer Warmshowers Hosts auch gesagt, dass sich das Schmiergeld prozentual am Ticketpreis orientieren sollte. Mit 20 %, meinte er damals zu uns, sollte es passen. Wir beginnen mit verzogener Miene zu verhandeln und ärgern uns über die Art und Weise, wie sie uns das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Während wir uns mit einem Teil der Männer nicht gleich auf einen Preis einigen, beginnt der andere schon wieder die Räder aus dem Bus zu räumen, um uns unter Druck zu setzen. Das ganze natürlich kurz vor der Abfahrt und mit einem hupenden Busfahrer. Es wird wild gestikuliert, Reini wird das Handy ans Ohr gehalten, damit er mit dem Herren am anderen Ende, der im Gegensatz zu den anderen Englisch recht gut beherrscht, unsere Preisvorstellung erklären kann. Mit Händen und Füßen und der Hilfe des Herren am Telefon schaffen wir es letztendlich uns auf 70 Lira zu einigen. Die 20% haben wir weit verfehlt, aber immerhin haben wir den Preis um 30 Lira gedrückt. Als wir schließlich im Bus sitzen und uns über das Verhalten der Männer unsagbar aufregen, versuchen wir uns im selben Moment einzugestehen, dass es letztlich nur 10 Euro für die beiden Räder waren und das Ganze den Ärger gar nicht wert war. 

In Samsun müssen wir umsteigen, um nach Sinop zu gelangen, jenen Ort, an dem der schönste Streckenabschnitt der Schwarzmeerküste beginnen soll. Auch im zweiten Bus wird von uns extra Geld verlangt, allerdings wird der Preis gleich beim Ticketkauf verhandelt und die Herren, die diesmal mit uns sprechen, machen das auf eine so respektvolle Art, dass wir ihnen das Schmiergeld fast mit einem erleichterten Lächeln in die Hand drücken. 

 

Wir beginnen in die Pedale zu treten. In 14 Tagen müssen wir in Istanbul sein, denn dann erwartet uns hoher Besuch von zuhause, auf den wir uns mehr als freuen! Als Ziel für die letzten zwei Wochen setzen wir uns den Ort Zonguldak, von wo aus wir wieder einen Bus bis Istanbul nehmen können. Die Distanz Sinop – Zonguldak erscheint uns in Anbetracht der vielen Höhenmeter, die hier dazwischen liegen, als Herausforderung, aber absolut machbar in der Zeit, wenn alles klappt. 

Die verkehrsarme Straße führt uns über herbstliche Hügellandschaften, die Sonne scheint so intensiv und warm, wie wir sie schon länger nicht mehr gespürt haben. „Boah, tut das gut!“ Nach den sehr eintönigen Radkilometern in der Zentraltürkei merken wir jetzt, wie gut es dem Gemüt tut, verschiedene Farben in der Natur zu sehen. Die Vegetation zeigt sich im buntesten Farbenkleid und wir haben fast das Gefühl, auf den herbstlich eingefärbten Gaisberg in Salzburg zu fahren. Auf einem verlassenen Campingplatz direkt am Strand bauen wir unser Nachtlager auf, kochen Nudeln mit Gemüse, verputzen als Nachspeise die restlichen Brownie Intense Riegel, die Reini täglich kiloweise verdrückt und beobachten, wie fast jeden Abend, den intensiv leuchtenden Abendhimmel.

„Wäh, ich bin jetzt schön überall nass!“, schimpft Reini und wirft einen gräuelverzerrten Blick unter die Regenjacke, um seinen Verdacht bestätigt zu sehen. Seit wir losgefahren sind, schüttet es aus Kübeln. Unsere alten Regenjacken können den Wassermengen nicht mehr standhalten und es dauert nicht lange, klebt die Kleidung am Oberkörper. Solange wir auf den Rädern sitzen und in Bewegung bleiben, ist die missliche Lage gut ertragbar. Der Körper reguliert die Temperatur. Wir sind nass, aber uns ist zumindest nicht kalt. Damit auch die Finger halbwegs warm bleiben, haben wir uns um jede Hand einen Plastiksack gebunden. Sieht grässlich aus, man kann damit kaum noch schalten, aber die Handschuhe bleiben dafür etwas trockener und dadurch länger warm. Wir sind stolz auf unsere „Regenhandschuh-Erfindung“ und freuen uns darüber, auf den Kauf eines Ersatz-Handschuhpaares verzichten zu können J! 

Wirklich schrecklich wird es an solchen Tagen erst, wenn man entweder aufs Klo muss oder eine Essenspause einlegt. Beim Gang aufs Klo kann man sich sicher sein, dass selbst der letzte trockene Fleck am Körper durch das Ausziehen der triefenden Regenmontur nass wird, und eine Pause bedeutet Frieren. Für die heutige Pause finden wir einen Pavillon auf einem Firmengelände, der uns zumindest vor dem Regen schützt. Der Wind bläst aber ungebremst durch. Mit zittrigen Händen stopfen wir hungrig Käse, Brot und Gurken in unsere Münder und als wir unsere Finger und Zehen kaum noch spüren, brechen wir die Pause ab und steigen im Eilzugstempo auf unsere Räder. Es dauert noch etwa eine Stunde, dann ist uns wieder wohlig warm und das grausame Wetter nur mehr halb so schlimm.

 

Das Wetter will sich auch die nächsten Tage nicht ändern. Wir scheinen kein besonderes Pech zu haben, nein, hier soll es immer viel regnen. „Ihr müsst im Sommer hier her kommen, jetzt ist es doch viel zu kalt und nass!“, belehrt uns hier jeder und fragt, ob wir nicht etwas „crazy“ seien. „Ja“, stimme ich im Stillen zu, „ein kleines bisschen schon.“

 An den kalten, verregneten Tagen gibt es nichts Schlimmeres, als abends im Regen das Zelt aufzustellen und zu versuchen, sich aufzuwärmen. Ich möchte diese Situation tunlichst vermeiden, deswegen kümmern wir uns fast täglich um einen Warmshowers oder Couchsurfing Host. In keinem Land war es bisher so einfach und lustvoll, diese beiden Plattformen zu nutzen. Wir finden jeden Tag mühelos jemanden, der uns aufnimmt – hat jemand selbst keine Zeit, setzt er alle Hebel in Bewegung, um eine Bleibe für uns zu finden. Die Gastfreundschaft ist grandios, wir können in so viele Lebenswelten eintauchen, lernen so viel über den türkischen Alltag. So kommen wir einmal bei einer Feuerwehr unter, werden von einer jungen Familie mit einem fünf Monate alten Baby namens Everest aufgenommen, werden eingeladen, in Teehäusern zu übernachten und werden, egal wo wir sind, immer köstlich bekocht. Ganz zu schweigen von den unzähligen Çay-Einladungen auf der Straße! Besonders bei Regenwetter haben die Türken wohl Mitleid mit uns, reißen die Fenster auf, rufen uns „Çay, Çay!!“,  zu und kreisen dabei wild mit dem rechten Zeigefinger über die linke, flache Handfläche. Das Symbol für „ich möchte dich zum Tee einladen“. 

 

Trotz des schlechten Wetters gönnt uns der Himmel ab und zu ein Regenloch oder sogar ein paar Sonnenstrahlen. In diesen Momenten erkennen wir die Idylle dieser Gegend. Die einsame Straße schlängelt sich über einen Hügel nach dem anderen, auf deren Gipfel sich jedes Mal aufs Neue ein traumhafter Blick auf die danach folgende Bucht auftut. Für uns bedeutet das natürlich unzählige Höhenmeter zwischen null und maximal 300 Meter über dem Meeresspiegel. Dieses ständige Auf und Ab kann zur mentalen Herausforderung werden, aber nach den vielen flachen Kilometern der letzten Wochen sind die teilweise brutalen, kaum fahrbaren Steigungen eine willkommene Abwechslung. Die Gegend ist aber nicht nur landschaftlich unheimlich reizvoll. Auch Touristen scheint es hier kaum zu geben, wir sehen kein einziges, größeres Hotel und in vielen Orten gibt es außer einem kleinen Nahversorger überhaupt nichts. Das für uns  Positivste daran ist das geringe Verkehrsaufkommen, möglicherweise aber ändert sich in den Sommermonaten das Bild dieser Gegend.

Der Blick auf Cide kurz vor Sonnenuntergang. Herrlich!
Der Blick auf Cide kurz vor Sonnenuntergang. Herrlich!
Sehr, sehr steile Straßen, dafür kaum Verkehr.
Sehr, sehr steile Straßen, dafür kaum Verkehr.

Je mehr Tage ins Land ziehen, desto unrealistischer wird es, in den restlichen Tagen die Strecke bis Zonguldak zu radeln. Etwas enttäuscht setzen wir uns Bartin als neues Ziel. Auch von dort geht ein Bus nach Istanbul. In zwei Tagen wollen wir in Bartin ankommen, aber das Wetter ist heute wieder einmal gegen uns. Starke Windböen, Dauerregen, gefühlte Minustemperaturen und der dritte Tag in Folge mit über 1500 Höhenmetern. Ich bin am Ende meiner Kräfte und in einem kleinen Bergdorf stellen wir unser Zelt im Regen auf. Im Teehaus werden wir zu Cay eingeladen und wärmen uns am Holzofen auf. „Morgen noch bis Bartin, dann haben wir es geschafft“, versucht Reini uns beide davon zu überzeugen, dass es eine gute Idee ist, morgen noch einen Tag zu radeln. Der Wetterbericht verspricht bis zu 80 km/h Wind und im Fernsehen hört man Warnungen vor Murenabgängen und Überflutungen. 

 

Am nächsten Morgen wachen wir von dem sich im Wind biegenden Zelt auf. Zum Glück haben wir hier unbewusst ein windgeschütztes Plätzchen gesucht und gefunden, denn wenn man auf die Bäume ein paar Meter neben uns blickt, erkennt man, dass unser Zelt möglicherweise einen Schaden davongetragen hätte. So schnell wir können, bauen wir unser Zelt ab, packen die Sachen zusammen und flüchten in das Bushäuschen an der Straße, wo wir Tahin und Weißbrot frühstücken. Es ist extrem kalt. Gegenüber dem Bushäuschen ist das Teehaus, in dem wir uns am Abend zuvor aufgewärmt haben. Als uns der Besitzer entdeckt, winkt er uns wild gestikulierend entgegen, sperrt seinen Laden auf, wirft den Ofen an und spendiert uns erneut einen Tee. Hier wollen wir das Unwetter abwarten. Bis Mittag ändert sich jedoch nichts, die Straßen haben sich mittlerweile zu Bächen verwandelt und überall liegen Äste. „Wann fährt denn der nächste Minibus nach Bartin?“, geben wir uns nach langem Überlegen geschlagen und schauen den Teehausbesitzer hilfesuchend an. Er blickt erleichtert in unsere Gesichter und man kann aus seinen Augen ein „ich hab´s euch doch gleich gesagt“ lesen. 

 

Bei unserem Warmshowers Host in Bartin angekommen, sehen wir in den Nachrichten die Bilder der überfluteten Straßen in der Gegend. Selbst die Straßen in Bartin erinnern mehr an kleine Teiche als an Asphalt. Auch wenn wir es mit den Rädern nun nicht einmal bis nach Bartin geschafft haben, sind wir erleichtert, wohl wissend, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Wir sind aufgeregt. Es erwartet uns nicht nur eine dreiwöchige Pause, sondern auch ein Wochenende mit Freunden und zehn Tage Urlaub mit meinen Eltern. Wir freuen uns wie kleine Kinder. Im Bus nach Istanbul werden wir aber sentimental. „Das war´s jetzt mit dem Radeln in der Türkei, schade... .“ Die letzten zwei Monate in der Türkei waren ein großes Erlebnis für uns. Kein Land konnten wir so intensiv kennen lernen, so viel am Alltag teilhaben und so viele Freundschaften knüpfen, wie hier. Wir fühlen uns irgendwie angekommen, angenommen und aufgehoben. Wir verstehen ein paar Wörter, kennen die türkische Küche bereits gut und fühlen uns beinahe integriert. Die Türken machten es uns eben auch unglaublich einfach und es wird uns nicht leicht fallen, im neuen Jahr in den Flieger zu steigen, um unsere Reise im Oman fortzusetzen. 


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Kommentare: 2
  • #1

    Peter Moser (Mittwoch, 30 Januar 2019 11:31)

    Ihr seid's einfach Spitze, super Berichte, tolle Fotos, a Wounsinn!!!

  • #2

    Michl (Mittwoch, 30 Januar 2019 22:33)

    Oh, die Straße scheint asphaltiert zu sein - hat sich doch etwas verändert seit meiner Reise im Jahr 1981 bis Samsun, die Gastfreundschaft ist anscheinend ungebrochen, echt beschämend für unsereins.