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#9 Türkei - surreales Kappadokien (Teil 2)


Auf einen Blick:

  • 25. November 2018 (Tag 134) – 3. Dezember 2018 (Tag 142)
  • Route: Konya – Aksaray – Göreme (317km)
  • Seit Salzburg 5067km geradelt
  • Ausgaben: 118,75 Euro für 2 Personen


Konya ist eine große Stadt, die von Steppe umgeben ist. Es gibt keine klassischen Vorstädte, wie man das von anderen Städten kennt. Entweder man ist in der Stadt oder man ist außerhalb, wo es eben nicht viel gibt, außer einer kargen, weiten, leeren Landschaft, durch die eine große Straße führt. Während wir uns in der einen Minute noch den Weg durch den Stadtdschungel bahnen, sehen wir in der nächsten Minute eben diese schier endlos erscheinende Ebene vor uns. Die folgenden 300 Kilometer wird sich der Ausblick nicht erwähnenswert ändern.  

 

Wir haben Glück: Rückenwind! Die große Bundesstraße ist dank dem breiten Seitenstreifen, den wir für uns alleine haben, gut befahrbar und der Verkehr hält sich am Sonntag in Grenzen. Wir genießen es, schnelle Kilometer machen zu können und versinken beim monotonen Treten in Gedanken. 

 

„Helloooo!!“, ruft uns jemand von der anderen Straßenseite zu und reißt uns aus unseren Gedanken. Die Französin Coline ist seit fast zwei Jahren mit dem Fahrrad unterwegs, war schon in Südamerika, Südostasien, China und Zentralasien. Und das größtenteils alleine. Mitten im Nirgendwo breiten wir unsere Isomatten aus und machen gemeinsam Mittagspause. Beeindruckt lauschen wir ihren Geschichten, tauschen Routen-Tipps aus und lachen viel. Wie gerne würden wir mit ihr ein paar Tage gemeinsam fahren, aber wie so oft führen unsere Wege in entgegengesetzte Richtung. Halb erfroren vom kalten Wind, dem wir mittlerweile seit fast zwei Stunden ungeschützt ausgesetzt sind, beschließen wir schweren Herzens, uns von Coline zu verabschieden. 

Die letzten Wochen haben wir vor dem Einschlafen täglich gemeinsam Hörbücher gehört. „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling war eines davon. In dem Buch erzählt der deutsche Komiker von seiner Pilgerwanderung am Jakobsweg und beschreibt, wie er gelernt hat, das Universum um Hilfe zu fragen, wenn er etwas benötigte. Weil es bei ihm so wunderbar geklappt hat, haben wir natürlich auch begonnen, uns die absurdesten Dinge vom Universum zu wünschen. Heute zum Beispiel haben wir das Universum gebeten, uns einen netten Englisch sprechenden Radreisenden zu schicken, der uns ein paar Tage begleitet. Wir wollen unser Englisch verbessern und dafür bräuchten wir dringend jemanden, dessen Muttersprache Englisch ist. „Aber“, fügen wir unserem Wunsch noch hinzu, „bitte keinen Amerikaner, wir finden das britische Englisch viel schöner!“ Wir lachen über unseren Wunsch und lassen uns noch ein paar weitere, lächerliche Ideen einfallen. Dieses Spiel versüßt uns die Fahrt durch die einsame Steppe.

 

Für die bevorstehende Nacht beschließen wir, unser Zelt hinter einer Tankstelle aufzustellen, damit wir etwas Sichtschutz von der Straße haben. Wir fragen einen Tankwart und nach kurzem Zögern bietet er uns den Gebetsraum der Tankstelle an. Diese Gebetsräume findet man in der Türkei sehr häufig, das können gemauerte, liebevoll verzierte Pavillons oder einfach nur ein gewöhnlicher Baucontainer sein. Davor gibt es fließend Wasser, um sich vor dem Beten die Füße waschen zu können. Die Gebetsräume, für Frauen und Männer getrennt, sind mit Teppichen ausgelegt und dürfen niemals mit Schuhen betreten werden. Es ist vorgesehen, fünf mal am Tag zu beten. Der Ort, an dem gebetet wird, ist zweitrangig, solange der Boden sauber ist.  Der Gebetsraum, in dem wir heute übernachten dürfen, ist ein alleinstehender Container mit einer Lampe und Teppichen. Überglücklich über das Angebot, machen wir es uns in dem wind- und kältegeschützten Raum gemütlich. Heute Nacht erwarten wir wieder um die null Grad. 

Reini hat bereits den Kocher angeworfen und kocht seinen morgendlichen Kaffee, während ich noch müde unsere Isomatten zusammenrolle. Mein Handy klingelt und ich lese Reini die Nachricht von Coline vor. „Ein britisches Pärchen ist direkt hinter euch, ich habe sie gestern kurz nach euch getroffen!“

Bevor wir noch realisieren können, was Coline uns da geschrieben hat, biegen zwei Radfahrer von der Straße ab und steuern direkt auf uns zu. Kann uns mal jemand zwicken? Das mit dem Universum funktioniert doch nicht wirklich, das war ja nur ein Scherz!?

Lydia und Chris sind aus England und sind am gleichen Tag wie wir von zuhause losgefahren, um in wenigen Wochen in Georgien anzukommen. 

Wir verstehen uns auf Anhieb so gut, dass wir zwei Stunden gemeinsam im Gebetsraum beim Frühstück plaudern und letztendlich beschließen, zusammen bis Aksaray zu fahren. Es sollten unsere schnellsten 80 Kilometer der bisherigen Reise werden.

 

Lydia und Chris sind etwas verrückt. Oder sagen wir so: Sie sind in der gleichen Zeit wie wir beinahe doppelt so viele Kilometer gefahren. Zusätzlich läuft Lydia einen Marathon pro Monat. Ich finde „verrückt“ trifft das ganz gut. Vergleicht man ihren und unseren Radreisestil, ergibt sich ein wunderbares Beispiel dafür, wie unterschiedlich Radreisen sein können und wie schwer es ist, Radreisen in eine Definitionsschublade zu stecken. Lydia und Chris suchen die sportliche Herausforderung, pushen sich bis ans Limit und fokussieren sich auf den Kilometerstand am Fahrradtacho. Wäre ich nicht dabei, Reini würde es wahrscheinlich genauso tun! JAber als Team war für uns von Anfang an klar, dass es uns mehr um das Reisen an sich geht und das Fahrrad mehr ein Mittel zum Zweck ist. Uns ermöglicht das Fahrrad ein langsames und intensives Reiseerlebnis. Es erlaubt uns zu stoppen, wenn wir von fremden Menschen in ihr Zuhause eingeladen werden und Gegenden zu erkunden, die wir sonst nie erreichen würden. Jede Art von Radreise hat einen eigenen Reiz, doch für mich wäre die schnelle Variante unvorstellbar (oder eher unmachbar). 

 

 

 

In Aksaray angekommen, trennen wir uns von den beiden und beschließen, uns in Kappadokien wieder zu treffen. Wir wollen noch einen Umweg zum 50 Kilometer entfernten Tuz Gölü (Tuz = Salz; Gölü = See) machen und werden deswegen ein paar Tage später als unsere Freunde in Kappadokien ankommen. Über Warmshowers finden wir in Aksaray einen Platz zum Schlafen und können unseren Augen kaum trauen, als uns Gökhan, unser Gastgeber, seine riesige Wohnung mit einem Tischtennistisch im Wohnzimmer zeigt. Außerdem wartet auf uns ein eigenes Zimmer samt Bad.  

 

Weil der Salzsee nicht am Weg nach Kappadokien liegt, lassen wir unser Gepäck bei Gökhan und radeln mit den unbeladenen Rädern 64 Kilometer zum See. Für die Strecke brauchen wir etwas über 2,5 Stunden und fühlen uns wie auf Rennrädern! Was für ein Genuss!

„Da ist schon alles weiß!“, rufe ich Reini zu. Zwischen Bundesstraße und dem Salz liegen nur ein paar Felder. Wir entdecken einen Feldweg und fahren von der asphaltierten Straße ab. Nachdem wir bereits ein paar Minuten entlang des gut befahrbaren Feldwegs geradelt sind, haben wir immer noch nicht das Gefühl, dem Salzsee näher gekommen zu sein. „Der ist vielleicht doch noch weiter weg als gedacht“, stellt Reini etwas ernüchtert fest. Langsam, aber sicher, entwickelt sich der Feldweg zu einem dichten Schlammweg. Völlig genervt versuchen wir mit den herumliegenden, instabilen Strohresten den Matsch zwischen Reifen und Kotflügel rauszudrücken, denn die Räder bewegen sich mittlerweile keinen Millimeter mehr. Es dauert mindestens zwei Stunden, bis wir letztendlich Salz unter den Füßen und Rädern haben. Eine nervenaufreibende Anreise. 

„Das ist alles Salz??“ Wir sind überwältigt von der nicht enden wollenden Weite aus Salz. Die Strapazen sind sofort vergessen. Wir machen tausende Fotos, rollen mit den Rädern über den See und genießen die einsame Stille.

Weil es schon spät ist, beschließen wir, per Anhalter zurück nach Aksaray zu fahren. Die ersten beiden Truckfahrer, die wir fragen, willigen ein. Sie liefern Kleidung von Istanbul in den Irak und machen gerade Pause an einer Seitenbucht. Weil die Räder weder in den Laderaum noch in die Kabine passen, versuchen sie die Räder unterhalb des LKWs festzubinden. Verzweifelt blicken wir in ihre Gesichter, schütteln den Kopf und geben ihnen mit „Our babies...!“ zu verstehen, dass wir so auf keinen Fall mitfahren können. Die beiden Fahrer verstehen uns sofort und wir sind erleichtert, als die Räder wieder festen Boden unter sich haben. 

Es dauert keine zwei Minuten, bis der Nächste anhält und uns samt Rädern in seinen bereits voll beladenen Combi packt. Reini sitzt auf der Handbremse und ich quetsche mich irgendwo zwischen Tür, Sitz und Reinis Oberschenkel. 

Kappadokien ist mittlerweile zum Greifen nahe. Es schüttet in Strömen, die Straßen haben sich bereits in Bäche verwandelt und die Finger sind eiskalt. In Nevsehir wärmen wir uns in einem Pide Salon (Pide = türkische Pizza) und warten, bis der Regen aufhört. Die letzten Kilometer Richtung Göreme, einen kleinen Ort mitten in Kappadokien, kommt die Sonne raus und als wir um die letzte Kurve fahren, ist die Sensation perfekt: So weit das Auge reicht, sehen wir kleine Feenkamine, bizarre Täler und Berge. Das ist ja noch imposanter als gedacht! 

In Göreme treffen wir Lydia und Chris und wegen der schlechten Wetterprognose beschließen wir, in einem Hostel zu übernachten. Am nächsten Morgen, nachdem wir uns von den beiden endgültig verabschieden mussten, machen wir uns auf den Weg zu einer Höhle, von der uns Coline bereits vorgeschwärmt hat. Das Gebiet ist übersät mit Höhlen, aber nicht jede bietet eine gute Aussicht auf die Täler. Und nicht jede Höhle ist ideal, um das allmorgendliche Spektakel der Heißluftballone zu beobachten. Kappadokien ist berühmt für die vielen Ballone, die hier jeden Morgen, sofern das Wetter es erlaubt, aufsteigen. 

Mit dem Fahrrad ist unsere Höhle etwas mühsam zu erreichen, allerdings werden wir mit dem ausgefallensten Wildcampingplatz, den wir je hatten, belohnt. Zwei Nächte wollen wir dort bleiben, Wasser und Proviant haben wir mitgebracht. Und mit etwas Glück steigen am Morgen die Ballone in den Himmel. Seit fünf Tagen sind keine mehr gefahren, das Wetter war einfach zu schlecht. Doch die Chancen für morgen stehen gut und wir hoffen inständig, dieses Schauspiel erleben zu dürfen. 

Wir machen es uns in der Höhle gemütlich, Reini macht abends ein kleines Feuer um uns zu wärmen. Um sechs Uhr klingelt der Wecker. Wir hören bereits die Gebläse, die im Tal die Heißluftballone vorheizen. Trotz der Kälte hüpfen wir aus dem Zelt und tatsächlich – die ersten wenigen Ballone sind bereits zur Hälfte gefüllt. Weil der Nebel im Tal immer dichter wird, dauert es letztendlich noch bis neun Uhr, bis die Ballone langsam vom Boden abheben. Und dann werden es immer mehr und mehr. Es sind so viele Ballone, dass wir aus dem Staunen nicht mehr rauskommen. Sind wir in einem Märchen gelandet?

Am nächsten Morgen steigen die Ballone wieder auf und es ist nicht minder beeindruckend. Wir könnten hier ewig bleiben - die Höhle, diese bezaubernde Landschaft. Unser neuer Lieblingsplatz.


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Kommentare: 5
  • #1

    Martin (Dienstag, 01 Januar 2019 19:45)

    Frohes Neues Jahr und noch viele schöne gemeinsame Erlebnisse

    Radreisende so wie ihr und die anderen und ich werden von den Normalreisenden eh meistens für verrückt erklärt. Habe das erlebt, als ich meine Islandtour plante und auch durchführte. Da erlebt man halt meine ich weit aus mehr, nur noch wandern könnte das toppen. Natur pur, 24 Stunden täglich. Einfach durch nichts zu ersetzen.
    Liebe Grüße
    Martin

  • #2

    Peter (Mittwoch, 02 Januar 2019 10:26)

    Wieder traumhafte Fotos, suuuper Bericht!! Weiterhin alles Gute und. O h viel Glück im kommenden Jahr���!

  • #3

    Sigrid (Mittwoch, 02 Januar 2019 11:07)

    Ihr seid einfach toll. Kann Euren nächsten Bericht kaum erwarten. Meine Gedanken begleiten Euch. Weiterhin alles Gute.
    Sigrid

  • #4

    Robert (Samstag, 05 Januar 2019 12:22)

    Merhaba & Guats Neichs!

    Vielen Dank für den tollen märchenhaften Bericht. Sehr spannend zu lesen und wieder von sehr schönen Bildern hinterlegt. Diesmal sind meine Lieblingsfotos die auf dem Salzsee mit den Dimensionen :)

    Weiterhin happiness, tolle Erlebnisse, Begegnungen und Gsundheit.

  • #5

    Gudrun (Dienstag, 08 Januar 2019 13:43)

    Liebe Angelika,
    Lieber Reini,
    habe gerade Eure Berichte wieder gelesen, um auf dem laufenden Stand zu sein.
    Wahnsinn, was Ihr schon alles erlebt habt - chapeau!
    Ich wünsche Euch einen guten Start ins Jahr 2019 und hoffe auf weitere spannende Reiseberichte von Euch.
    Passt auf Euch auf, bleibt gesund!