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#13 Iran - verzaubert von den Persern (Teil 1/2)


Auf einen Blick:



Auf der Fähre von Dubai in den Iran (Bandar Abbas) geht es wild zu. Iranische Familien schleppen kiloweise Gepäck umher, suchen ihre Kajüten oder rufen nach den Kindern, die sie in dem Gewusel an Menschen aus den Augen verloren haben. Die meisten von ihnen arbeiten in Dubai und fahren für Nowruz, das persische Neujahrsfest und gleichzeitig das größte Fest der Iraner, nachhause, um die kommenden drei Wochen mit der Familie zu verbringen. Nur Reini und ich sitzen regungslos auf zwei Stühlen im Gang. Wir sind hundemüde. Die Fähre hätte schon vor Stunden starten sollen, doch die Mitarbeiter der Fährengesellschaft sind mit dem Neujahrs-Chaos überfordert. Wir lernen zu warten. Die Iraner, das lernen wir schnell, sind Weltmeister im Warten. 

 

Bevor wir die Fähre verlassen, lege ich mir ein Kopftuch um. Mit Argusaugen beobachten mich die vielen Iranerinnen und ihr Kichern gibt mir unmissverständlich zu verstehen, dass sie mich in Nullkommanichts als Anfängerin in der Kunst des Kopftuchtragens identifiziert haben. 

Am Hafen werden wir durch die Kontrollen gewunken und durch die Menschenmassen geschoben, bis wir endlich auf den Straßen der Hafenstadt Bandar Abbas stehen. Und wir müssen erst mal schlucken. Die letzten zwei Wochen haben wir in Dubai verbracht, eine Stadt der Superlative, geordnet und funkelnd, duftend und glänzend. Eine Stadt, die bis in die Hochhausspitzen geregelt zu sein scheint, doch deren Prunk so viel Beständigkeit hat wie die einer schillernden Seifenblase. Und jetzt stehen wir mitten im lauten Verkehrschaos von Bandar Abbas, umgeben von heruntergekommenen Häusern und Autos, die es bei uns gerade noch auf den Schrottplatz geschafft hätten und Menschen, die uns im Sekundentakt mit einem breiten Lächeln von allen Seiten „WELCOME TO IRAN“ zurufen. 

 

Unser erster Weg führt uns zur Wechselstube. Ich staune nicht schlecht, als mir die Dame hinter dem Schalter fünf Geldpakete und ein paar einzelne Scheine zuschiebt. 73 Millionen Iranische Rial sollen das sein, dabei habe ich lediglich 490 Euro gewechselt. „Ich habe die Bank ausgeraubt“, flüstere ich Reini heimlich zu und wir versuchen etwas hilflos die Geldbündel unbemerkt in unsere Taschen verschwinden zu lassen. Dank der amerikanischen Sanktionen ist der Iran nicht nur völlig vom internationalen Bankensystem ausgeschlossen (weder Kredit- noch Bankomatkarten funktionieren im Iran), auch die Landeswährung hat bereits unendliche Tiefen erreicht und hört dank Trump auch weiterhin nicht auf zu sinken. Für uns macht das den Iran zu einem der günstigsten Reiseländer der Welt, für die Menschen bedeutet das den langsamen Zerfall ihrer Heimat. Überall, wo wir hinsehen, fällt uns auf, dass hier nichts neu gekauft wird. An jeder Ecke gibt es einen Elektriker, Schlosser, KFZ Mechaniker oder Schreiner, der für kleinsten Lohn alles reparieret, was man irgendwann in besseren Zeiten gekauft hat. Klingt im ersten Moment vielleicht sogar nach einer erstrebenswerten Entwicklung, im zweiten Moment bedeutet das aber auch wirtschaftlichen Stillstand und Perspektivenlosigkeit für die junge Generation. 

Unsere Route führt uns über die landschaftlich schöne Insel Qeshm weiter in die benachbarte Provinz Fars. Auf den guten, endlos wirkenden Straßen mit regem Neujahrsverkehr kommen wir gut voran, bis es irgendwann leicht zu regnen beginnt. Unser Zelt stellen wir hinter einem zerfallenen Haus auf, dessen alte Mauern einen idealen Sichtschutz für die abendliche Flaschendusche bieten. Das Wetter ist auch am nächsten Morgen nicht besser, aber gut genug, um weiter zu fahren. 150 Kilometer trennen uns nun vom nächsten Ort Lar, dazwischen befindet sich aufgrund eines Naturschutzgebiets keine Besiedelung. Die ersten 70 Kilometer kommen wir gut voran, doch dann beginnt es wie aus Kübeln zu schütten. Schnell entwickelt sich die Straße zu einem Bach und das Donnerrollen wird lauter. Rechts neben der Straße entdecken wir eine alte, halb zerfallene Moschee. Zitternd vor Kälte räumen wir den Dreck in ein Eck, um Platz für unser Zelt zu machen. Als das Zelt endlich steht, nimmt der Regenguss wieder Fahrt auf. Das Dach ist undicht und in wenigen Minuten stehen wir, unser Zelt und unsere Taschen im Wasser. 

Der Verzweiflung nahe, packen wir das schlammige, nasse Zelt wieder ein und fahren weiter. Mittlerweile sind die Straßen überflutet und kleine Hangrutschungen bilden Hindernisse für den Verkehr. Die weiten Wiesen stehen ebenso unter Wasser. Wo sollen wir heute nur schlafen? Wir schaffen es auf keinen Fall mehr bis zum nächsten Ort und es gibt weit und breit keinen trockenen Platz, um das Zelt aufzustellen. 

„Hello! Please stop! Come to my village!“ Ein LKW - Fahrer hat seinen Trailer am Pannenplatz abgestellt und sich ohne Schirm in den strömenden Regen gestellt, um uns aufzuhalten. „Dich schickt der Himmel“, denken wir uns und am liebsten würde ich ihm um den Hals fallen. Die Räder mehr schlecht als recht auf den Trailer gebunden, retten wir uns in die Fahrerkabine. Muza zieht sich schnell trockene Sachen über und grinst uns schließlich zufrieden an: „Welcome to Iran!“ Auch Reini hat sich der nassen Kleidung bereits entledigt, nur ich sitze noch triefend nass in der Kabine. Ohne meine nasse Kleidung würde ich in T-Shirt und ohne Kopftuch sein. „Problem?“, frage ich Muza zögernd und zitternd vor Kälte. Meine Frage kostet ihm nur ein Lächeln und ein „of course not, we are family!“ 

Und so nehmen die Dinge ihren (iranischen) Lauf. Obwohl wir eigentlich nur bis ins nächste Dorf mitfahren wollten, um uns dort ein Zimmer zu nehmen, überredet uns Muza, bis zu sich nachhause mitzufahren, also 150 Kilometer zu dem Dorf Shar-e Pir. Als wir mitten in der Nacht ankommen, ist bereits die gesamte Großfamilie in „Alarmbereitschaft“: Nachdem wir wie Könige begrüßt werden, wird bereits gekocht, unsere dreckigen Räder und Taschen gewaschen, es wird uns heißer Tee serviert und die Handtücher in die Dusche gebracht. Mindestens 15 Familienmitglieder wuseln aufgeregt um uns herum, kümmern sich um unser Wohlbefinden und lassen uns nicht einmal die kleinste Arbeit selbst erledigen. 

Am nächsten Morgen bittet uns Muza, mit den Rädern und ihm einmal durch sein Dorf zu fahren. Wir staunen nicht schlecht, als wir mitten am Kreisverkehr dem Bürgermeister, dem Tourismusbeauftragten (wir fragen uns bis heute, warum es den dort gibt?) und der gesamten lokalen Politikprominenz die Hände schütteln. Danach werden wir noch zu einer Hochzeit gebracht, von sämtlichen Familien zum Tee eingeladen und von unzähligen Menschen nach Selfies gefragt. Nach diesem aufregenden Tag fallen wir wie zwei Steine ins Bett.

Die Iranische Gastfreundschaft ist also nicht nur ein Mythos, sondern wirklich und wahrhaftig. Und obendrein ganz schön intensiv! Nicht nur einmal ertappen wir uns dabei, Einladungen abzulehnen, um uns im Hotelzimmer zu verkriechen. Im Zelt ist das nämlich kaum möglich, denn sobald das Zelt auch in der größten Einsamkeit aufgebaut ist, klopft mit Sicherheit jemand an und lädt dich ein. Es ist uns ein Rätsel!

 

Neben den unglaublichen Menschen hat der Iran auch noch ganz schöne Natur zu bieten. Die meiste Zeit fährt man durch große Ebenen, die beiderseits von  Bergen begrenzt werden. Dadurch entstehen wunderbare Weitblicke! Die Farben des Frühlings verzaubern dann die kargen Weiten in ein Meer von Grün, Gelb und Rosa.

Von Shiraz fahren wir weiter nach Yazd, einer Stadt aus lauter alten Lehmhäusern. Westlich der Stadt ist eine kleine Wüste, die wir unbedingt durchqueren möchten. Auf halbem Weg befindet sich eine alte, verlassene Karawanserei, von denen es im Iran unzählige gibt. Karawansereien dienten Reisenden und Händlern entlang der Seidenstraße als Unterkunft und Bazare. Besonders in der Wüste waren solche „Handelsstationen“, die mindestens einen Tagesfußmarsch voneinander entfernt lagen, überlebensnotwendig. Heute sind noch einige Ruinen zu finden, aber diese hier, in der Varzaneh Wüste, ist besonders idyllisch. Nicht nur, weil es sich um ein einst mächtiges Gebäude handelt, sondern auch, weil sie mitten in der Einsamkeit liegt. Unser Herz hüpft, als wir dort ankommen und das Zelt aufbauen.

Euphorisiert von den Tagen in der Varzaneh Wüste kommen wir in (unserer iranischen Lieblingsstadt) Isfahan an. Dort werden wir bereits von Farid und seinem Sohn Farbot erwartet, die wir weiter südlich auf ihrer Motorradreise durch den Iran kennengelernt haben. Obendrein kommt uns ein Freund aus Salzburg besuchen. Was für ein Wiedersehen! Wir bleiben gleich einige Tage, werden ganz nach iranischem Stil mit Leckereien der Familie durchgefüttert, erkunden die Stadt und verbringen ein paar erholsame, radfreie Tage. Um unser Turkmenistan - Visum zu beantragen, müssen wir noch mit dem Bus nach Teheran: Eine 500 Kilometer-Fahrt im luxuriösen VIP Bus kostet für uns zusammen 8 Euro, oder besser gesagt, 1,2 Millionen Iranische Rial. 

Zurück bei Farid in Isfahan steht die nächste Entscheidung an: Fahren wir 1200 Kilometer durch die wenig besiedelte Wüste oder über die Berge? Dazu mehr beim nächsten Mal!  

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Kommentare: 5
  • #1

    Sebastian (Freitag, 09 August 2019 18:01)

    Ein tollerBericht ,bin froh dass Ihr diese kurze Zeit im Iran so toll beschreibt
    Ich habe 14 Jahre in Dubai verbracht und danach noch 8 Monate im Iran ja ich stimme Euch zu
    Ein tolles Land mit ganz tollen und entzückenden Menschen ,leider ein falsches Regime das mit aller Härte vorgeht und mit einer sehr kleinen Toleranzgrenze regiert
    Ich wünsche Euch noch viele tolle Eindrücke und noch viele schöne Begegnungen mit den Einheimischen

  • #2

    Viktoria (Freitag, 09 August 2019 18:53)

    War von soviel Gastfreundschaft zu Tränen gerührt.Hoffentlch habt ihr wieder ein wasserdichtes Zelt.Sende euch wieder ein paar € als Taschengeld. Passt auf euch auf und wir freuen uns schon jetzt wieder auf einen neuen Bericht von euch. Der hoffentlich nicht allzu lange auf sich warten lässt.
    Herzlichst Viktoria

  • #3

    Traudl (Freitag, 09 August 2019 23:50)

    Es ist so schön mit euch mitzureisen!

  • #4

    Moser Peter (Samstag, 10 August 2019 09:50)

    Schon wieder so ein toller Bericht mit traumhaften Fotos. Wünschen Euch weiterhin eine tolle Zeit!

    Peter & Siegi

  • #5

    Roswitha (Dienstag, 13 August 2019 13:32)

    Griaß eich ihr zwei. Ich bin erst heute auf eure Reise aufmerksam geworden.( MTB Tour Information über STONEMANN TAURISTA Salzburg angefordert und es war eine Beilage von euch dabei. Tolle Sache, nette Geschichten und beeindruckende Fotos, weiterhin eine erlebnisreiche Zeit.