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#6 Albanien & Mazedonien – die erste große Herausforderung


Auf einen Blick:

  • von 13.09.2018 (Tag 61) - 02.10.2018 (Tag 80)
  • Bajram Currit - Golaj – Kukës – Peshkopia – Ohrid (Mazedonien) – Elbasan – Kuçovë – Fier – Vlores – Tepelena – Permët – Konitsa (Griechenland)
  • 3290km bis jetzt geradelt
  • 348,76 Euro in Albanien und Mazedonien ausgegeben (2 Personen)


Die Grenze zwischen Kosovo und Albanien!
Die Grenze zwischen Kosovo und Albanien!

 „Siehst du die massiven Berge dort hinten?“ ruft Reini zu mir zurück. „Das ist schon Albanien!“

Der Schweiß tropft uns vom Kinn, als wir im Kosovo vor dem albanischen Grenzübergang stehen. Albanien - seit zwei Jahren träumen wir davon. Wir stellen uns ein wildes, unentdecktes Land mit einsamen und schroffen Berglandschaften vor, dessen schönste Ecken von uns furchtlosen Abenteurern noch erobert werden wollen. Eselkarren, Schluchten, Bergdörfer, in denen die Zeit stehen geblieben zu scheint und herzliche Menschen.

Der Grenzbeamte holt mich unsanft aus meinem Kopfkino zurück in die Realität. „Passport please!“ Ein Schweißtropfen fällt auf meinen Reisepass, ich wische ihn einmal über mein durchgeschwitztes T-Shirt und übergebe den Pass dem Grenzbeamten. Mit einem Lächeln werden wir durchgewunken und stehen nun am 61. Tag unserer Reise in Land Nummer Acht.

Wenige Kilometer nach dem Grenzübergang müssen wir uns zwischen zwei Straßen entscheiden. Entweder die kurze, mit weniger Höhenmetern und gut asphaltierte Straße, aber dafür „eine tot langweilige  Strecke“, wie uns zwei deutsche Motorradfahrer warnen, oder die landschaftlich traumhafte, unbefestigte Straße mit 2000 Höhenmetern mehr. Weil wir in wenigen Tagen bereits in Vlores sein müssen, um den langersehnten Besuch von zuhause nicht zu verpassen, entscheiden wir uns schweren Herzens für die kurze, dafür weniger reizvolle Strecke. Im Laufe der nächsten zwei Tage stellt sich zu unserem Glück heraus, dass selbst der kurze Weg bis auf wenige Ausnahmen äußerst reizvoll ist und sich tiefe, imposante Schluchten neben uns auftun. Nebenbei finden wir am ersten Abend einen der spektakulärsten Plätze für unser Nachtlager und bekommen von den Bewohnern des nächsten Dorfs kiloweise Weintrauben und gekühltes Wasser geschenkt. Was für ein gelungener Start in ein neues Land!

 

Es geht bergauf. In Albanien geht es gefühlt immer bergauf. So steil, dass wir manchmal nicht so recht wissen, wie wir unseren schwer beladenen Drahtesel hinaufbefördern sollen. Ich bin mir sicher, dass solche Steigungen in Österreich nicht durch den Straßen-TÜV gingen (so was gibt es doch, oder?)! 

Wir kommen von einem Bergdorf in das nächste. Im Schneckentempo fahren wir an allen Dorfcafes, in denen ausschließlich Männer sitzen und ihre Zeit vertreiben, vorbei, spüren ihre neugierigen Blicke und versuchen mit einem „Hello“ und einer Hand in der Luft unsere Angespanntheit etwas zu lockern. Nicht die neugierigen Blicke verunsichern uns. Nein, es ist die Schule, der wir uns langsam nähern. Wir können die Kinder schon hören. Reini und ich schauen uns an. Hoffentlich geht es bei der Schule bergab, damit wir ohne Probleme schnell davon kommen! Das gestrige Erlebnis sitzt uns noch in den Knochen: Gestern ist uns ein Junge hinterher gerannt, hat Reinis Hinterradtaschen gepackt und ihn so zum Stoppen gebracht. Reini konnte sich gerade noch halten und blieb sofort stehen. Reflexartig hat er als Drohung die Hand gehoben und den vielleicht 10-Jährigen aus voller Kehle angebrüllt. Ein älterer Herr bemerkte die Situation und begann den Jungen ebenfalls lauthals anzuschreien. Von Reinis Handbewegung eingeschüchtert, duckte er sich und verschwand im Gewusel der Stadt.

Verstört von dem Erlebnis haben wir von nun an großen Respekt vor Kindern. Warum machen die das? Wir sind etwas überfordert. Und jetzt nähern wir uns schon wieder einer großen Traube von Kindern, direkt vor der Dorfschule. „Money, money, money“ hören wir es schon wieder von Weitem und junge Burschen laufen auf uns zu. Einer von ihnen ist besonders mutig und stellt sich breitbeinig vor Reinis Fahrrad, zwingt ihn zu einer Vollbremsung, reißt die Arme zur Seite und schreit mit stilsicheren Gangsterrapper-Bewegungen: „Money, money! What´s your name, what´s your name!“

Auch wenn uns der kleine Gangster einen Schrecken eingejagt hat – wir müssen uns krümmen vor Lachen. Ist das gerade wirklich passiert? Die Situation ist so schräg und lächerlich zugleich. Wo sind wir nur gelandet?

 Ich fühle mich irgendwie überhaupt nicht wohl hier. Seit vier Tagen sind wir nun hier und durchleben ein Wechselbad der Gefühle, das mich völlig verwirrt. Die körperliche Anstrengung bei den vielen Höhenmetern wird dabei zur Nebensache. Jede Anstrengung wird sofort mit einer grandiosen Aussicht auf tiefe Schluchten und hohe Berge belohnt, es lohnt sich jeder Meter. Verwirrend sind die unterschiedlichen Begegnungen, die wir hier machen. Von unendlicher Hilfsbereitschaft und Gastfreundlichkeit bis hin zu den ungezügelten Kindern, die uns verschrecken, haben wir in den vier Tagen alles erlebt. Und jetzt stehen wir an einer Kreuzung und müssen uns entscheiden, ob wir die Abzweigung Richtung Mazedonien nehmen sollen oder den wesentlich kürzeren Weg durch Albanien. „Ich will unbedingt zum Ohrid See in Mazedonien, alle Radreisenden schwärmen davon“, ist mein gut getarnter Vorwand, Albanien für einen Tag zu verlassen. „Wir haben noch eine Woche Zeit um nach Vlores zu radeln. Das geht sich locker aus“, versuche ich Reini von der Idee zu überzeugen. „Aber nur, wenn wir heute noch zum Ohrid See fahren. Das sind dann fast 100 Kilometer!“ Ich willige ein und eine Minute später stehen wir, völlig ungeplant und unvorbereitet, in Land Nummer Neun. 

Es ist jedes Mal verblüffend, welche Euphorie ein Grenzübergang in uns auslöst. Die Stimmung ist am Höhepunkt, auch wenn wir nicht mal wissen, mit welcher Währung wir hier bezahlen können, welche Sprache man hier spricht und wie die Straßenverhältnisse sind. Ich bin so unendlich erleichtert, nicht mehr in Albanien zu sein.

Die Straße nach Ohrid ist perfekt – bis auf ein paar Steigungen geht es immer leicht bergab und wir kommen am Abend am Campingplatz an. Der ist zwar „ultra grindig“, liegt aber direkt am See und kostet nur 3 Euro pro Person (ja, in Mazedonien zahlt man mit Euro!). „Die Stadt Ohrid ist nicht nur schön, es ist Mazedoniens SCHÖNSTE Stadt! Ihr müsst sie euch anschauen!“, hat uns ein Rennradfahrer aus Ohrid versichert. Also ändern wir die Pläne ein weiteres Mal und beschließen, einen Tag zu bleiben um uns Ohrid anzusehen. 

Wir frühstücken am Campingplatz und kratzen die letzten Porridge-Reste aus dem Topf. „Can I e choin ju?“ hören wir es plötzlich und wir heben unsere Köpfe aus dem Topf. Javier blickt uns mit einem riesen Lächeln an und wir antworten im Chor „Of course!!“ Javier, ebenso Radreisender, radelt alleine von Istanbul nach Madrid und nach den ersten Minuten wird klar – wir drei mögen uns! „Fahr doch morgen mit uns weiter!“ schlagen wir ihm vor. Er wirft seine Pläne über Board und willigt ein.

 

Der verrückte Spanier ist viel schneller als wir und radelt wie ein aufgescheuchtes Huhn rund um uns und macht Fotos. „Garrrrotteeeee“, ruft er uns im Minutentakt entgegen, um uns den Berg hinauf zu pushen. Gemeinsam queren wir die Grenze zurück nach Albanien und vor lauter Ablenkung vergesse ich meine Skepsis gegenüber diesem Land. 

Die Mittagspause verbringen wir am Fluss. Weil die Brücke zum Dorf auf der anderen Flussseite vor sechs Monaten weggespült worden ist, haben sich die Bewohner eine Art Flying Fox oder Seilzug gebaut. Wir können unseren Augen kaum trauen, als sich ein Mädchen in das Drahtgestänge setzt und sich auf die andere Seite des Flusses kurbelt. „You can try if you want!“ ruft uns ein Junge entgegen, der gerade von der Schule nachhause geht und auf der anderen Seite wohnt. „Ohhh...ha...ähhh...no thank you“, entgegnen wir ihm etwas verlegen. Er lässt nicht locker und so kurbelt er jeden von uns einmal über den Fluss. Wir haben überlebt! Er erkundigt sich noch, ob wir etwas brauchen, doch wir sind gut versorgt. „If you need anything, come to my house! My  house is number 4!“ Wir verabschieden uns von ihm und schauen uns an: Sind wir wirklich wieder in Albanien? Wieso ist der Bursche so cool? Während wir uns immer noch über diese Begegnung freuen und Javier unsere ersten Erlebnisse in Albanien erzählen, fängt der Seilzug wieder zu wackeln an. Der Bursche kurbelt sich gerade wieder zurück auf unsere Flussseite mit einem großen Sack voll Weintrauben. „For you!“ 

 

Am nächsten Tag verabschieden wir uns schweren Herzens von Javier. Die Gegend zwischen Elbasan und Vlores ist reizlos, übersäht mit Ölbohranlagen und riesigen Farmen. Einzig die vor zwei Monaten fertiggestellte Straße ist ein großes Vergnügen – perfekter Asphalt für einen ganzen Tag! Da purzeln die Kilometer. 

 

Nach ein paar Höhenmetern stehen wir auf dem Hügel und haben eine gute Sicht zur Stadt Kucovë. Es scheint sich um eine hässliche Industriestadt zu handeln. Weil wir uns noch mitten im Olivenanbaugebiet befinden, beschließen wir lieber hier die Nacht zu verbringen, als in einem möglicherweise hässlichen Vorort. Wir sehen ein paar Damen und einen Herren bei der Olivenernte und begrüßen sie mit einem großen Grinsen und einem holprigen „Përshëndetje“, was auf Albansich so viel heißt wie „Hallo“. Was für eine Sprache! Ich forme meine Arme zuerst zu einem Dach und dann zu einem Polster und lege meinen Kopf darauf: „Camp?“

Diesen Prozess durchlaufen wir fast jeden Abend. Mittlerweile haben wir gelernt, dass die ersten Sekunden der Interaktion verraten, ob wir hier nur geduldet oder mit großer Freude aufgenommen werden. Eigentlich passiert immer Letzteres. Und auch heute merken wir sofort, dass sich die Ernteleute freuen, uns einen Platz in ihrem Olivenhain anbieten zu können, sie bringen uns Früchte und Wasser und erzählen aufgeregt jedem Passanten, dass wir hier sind. Es weiß also wieder einmal das ganze Dorf von unserem Nachtlager! Auch die Dame vom gegenüberliegenden Haus hat von uns gehört. Sie bringt uns frisch gekochte Eier, Obst, Tee und Wasser. Leider können wir uns überhaupt nicht verständigen, mit ihr klappt das Hände-und-Füße-Prinzip auch nicht so recht. Alle 30 Minuten schaut sie bei uns vorbei, umarmt mich, küsst meine Wangen und lächelt uns an. Am nächsten Morgen bringt sie uns frische Milch, Kaffee und Schnaps. Als wir schon losfahren wollen und unseren Porridge aufgegessen haben, kommt sie wieder. Mit frisch gebackenen Bauernkrapfen und zwei Gläsern Buttermilch. Wir wissen nicht, wie wir ihr danken sollen, essen so viel wir noch können und den Rest packt sie uns zur Jause ein. Albanien, wie konnten wir nur jemals schlecht über dich denken?

Wir kommen rechtzeitig in Vlores an und die Vorfreude auf den Besuch von zuhause wächst ins Unermessliche. Um 15 Uhr sollen Johanna und Flo mit ihrem Campervan ankommen. Angespannt sitzen wir am vereinbarten Treffpunkt und bei jedem sich nähernden Auto springen wir auf. Eine Stunde später sind sie da und wir fallen uns in die Arme. „Ihr schaut ja immer noch gleich aus!“, mustern sie unser scheinbar unerwartet gepflegtes, gut genährtes Äußeres hämisch und wir stoßen mit Stiegl Bier auf unser Wiedersehen an. Wie sehr haben wir die beiden vermisst.

Die nächsten vier Tage sind Balsam für die Seele: wir fahren mit dem Campervan durch den Süden Albaniens, genießen jeden Abend gemeinsam mit einem kühlem Bier den Sonnenuntergang am Strand, tauschen Geschichten aus, gehen essen und gönnen dem Körper etwas Ruhe. Genuss pur. Wir beschließen uns nächstes Jahr im Vietnam wieder zu sehen, weil keiner bis Mitte 2020 auf ein Wiedersehen warten möchte. <3 

Wir sind zurück auf unseren Sätteln. Der Hintern schmerzt, aber Albanien übertrumpft sich noch einmal selbst. Das anfängliche Unwohlsein in diesem Land ist wie weggeblasen, die Menschen hier wie ausgewechselt, keine uns verfolgenden Kinder, sondern nur Herzlichkeit und surreal wirkende Landschaften. Mittlerweile gefällt es uns hier so gut, dass wir am liebsten noch mehr Zeit im Süden des Landes verbringen möchten. Doch die griechische Grenze ist zum Greifen nahe und die Vorfreude auf Olivenöl, gutes Essen und unsere Lieblingsinsel Euböa ist so groß, dass wir weiter ziehen wollen.

FALEMNDERIT (Danke) Albanien für die vielen Herausforderungen, für das Gefühlschaos und dafür, dass wir so viele deiner Facetten kennenlernen konnten! Das war „Lernen für´s Leben“ pur.


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Kommentare: 4
  • #1

    Karres TB (Sonntag, 04 November 2018 14:59)

    Das Karres TEAM verfolgt aufmerksam Euere Reise, unsere Männer finden das alle cool
    und möchten das auch einmal erleben.
    Wir Damen sagen aber nein, nur im Zelt schlafen und das die meiste Zeit in der Wildnis, jeden Tag mit dem Fahrrad, für uns unvorstellbar. Angi, Hut ab, ein verwöhntes Luxusweibchen bist du sicher nicht, da hat Reini Glück gehabt , das Ihr Euch gefunden habt. Mit Spannung werden wir Euren nächsten Bericht wieder verfolgen. Wir wünschen Euch alles Gute zu Eurem Urvertrauen gegenüber jeder Nation: KARRES TB Team.

  • #2

    Sebastian Perterer (Sonntag, 04 November 2018 16:19)

    Hallo Ihr Zwei
    Habe wieder hart auf Euren Bericht gewartet und mich gefreut dass es Euch gut geht und ihr gut voran kommt
    Alles Gute weiterhin und kurbelt schön damit ich wieder was spannendes lesen kann
    Viel Glück und alles alles Gute Euch Beiden

  • #3

    Hermann (Sonntag, 04 November 2018 23:20)

    Hallo ihr beiden Globetrotter, habe mir gerade gestern euer video von Montenegro und vom Kosovo angesehen, cool, kann man nur sagen. Und heute bereits der Bericht über Albanien und Mazedonien, sehr interessant. Ich war einmal im südlichen Teil von Albanien, bei einem Korfu-Urlaub haben wir einen Tagesausflug in die Gegend von Saranda gemacht und auch die antike Stadt Butrin besichtigt, daher kenne ich die Gegend ein bisschen. Wünsche Euch weiterhin gute Fahrt und viele schöne Erlebnisse.
    LG/Hermann

  • #4

    Peter (Montag, 05 November 2018 14:01)

    Traum Bilder, toller Bericht, weiterhin alles Gute!!!