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#5 Montenegro & Kosovo - Jo, mir san mim Radl do!


Auf einen Blick:

  • von 5. September 2018 (Tag 53) bis 13. September 2018 (Tag 61)
  • Pluzine - Zabeljak - Mojkovac - Berane - Rozaje - Peja (Kosovo)
  • 2650 km bis jetzt geradelt
  • 170,87 Euro in Montenegro und Kosovo ausgegeben (2 Personen)


Montenegro. Wir radeln über eine wackelige Brücke und stehen in Land Nummer 6. Bis vor kurzem hätten wir wahrscheinlich nicht einmal die Lage auf der Landkarte deuten können. Welche Sprache spricht man hier? Oh, und welche Währung hat Montenegro? Sind hier alle Berge schwarz oder woher kommt der Name „Monte Negro“? Top vorbereitet starten wir die ersten Meter in einem uns völlig unbekannten Land. Na, das kann ja heiter werden.

Es regnet. Neongelbe Helmüberzüge schützen uns davor, völlig durchnässt zu werden. Über die Regenjacke noch die Warnweste gelegt, fühlen wir uns richtig stylisch. Übersehen kann uns bei der heutigen schlechten Sicht zumindest keiner. Die Straße folgt dem Fluss Drina, der sich seinen Weg durch eine beeindruckende Schlucht bahnt. Nebelverhüllt wirken die steilen Berge um uns noch anmutiger und wir genießen die fast autofreie Straße, die kühlen Temperaturen und die neue Umgebung. Es folgen viele, in Stein geschlagene Tunnel, die, wenn sie nur wenige Meter lang sind, sehr imposant aussehen können. Je länger die Tunnel jedoch werden, desto furchteinflößender wird es, in die völlig unbeleuchteten schwarzen Höhlen zu fahren. Trotz guter Scheinwerfer wird es zur Herausforderung das Gleichgewicht zu halten und in keine Schlaglöcher zu fahren.

Im Laufe des Tages lichtet sich der Himmel und die Schlucht verliert an Enge. Die Sicht auf den Stausee rund um Pluzine lässt unser Herz höher schlagen – sieht das toll aus! Obwohl es ein künstlich kreiertes Schauspiel ist und Pluzine ein rein für Touristen erbauter Ort ist, hat uns der Tag viele positive Emotionen gebracht. Es ist so unglaublich befriedigend, wenn man viele Kilometer und viele Höhenmeter an einem Tag schafft und dabei eine tolle Kulisse rund um sich hat!

Wir schlagen unser Zelt auf und fallen todmüde ins Bett. Ich kann meine Beine kaum noch bewegen, selbst für Reini waren es anstrengende Tage. Morgen müssen wir einen Ruhetag einlegen, so viel steht fest.

DURMITOR NATIONAL PARK

Am nächsten Morgen wache ich auf und habe das Gefühl, meine Muskeln sind steinhart. Auf keinen Fall gehe ich heute irgendwo hin, selbst aus dem Zelt zu kriechen scheint mir unmöglich. Reini liegt müde neben mir und nimmt sein Handy zur Hand. „Mist, heute ist der einzige regenfreie Tag, bevor es wieder zwei Tage durchregnet!“ NEIN. Bitte nicht. Die nächste Etappe ist das Durmitor Gebirge. 1700 Höhenmeter und 62 Kilometer. Die Aussicht dort oben muss so grandios sein, dass es eine Schande wäre, hier bei schlechtem Wetter durchzufahren. Wir schauen uns verzweifelt an. Es gibt keinen Ausweg. Wir müssen die bislang härteste Etappe heute fahren. Ich möchte heulen.

 

Die Räder sind gepackt und wir beginnen zu treten. Die Muskeln schreien bei jedem Tritt nach Pause. Von unten sehen wir die steile Straße, die sich entlang der imposant aufragenden Felswände schlängelt. Da soll es heute rauf gehen? Hilfe. 

Nach der ersten steilen Kurve geht mein Blick Richtung Tacho. 3,5 km/h steht da. Ich beginne zu rechnen. Wenn wir heute durchschnittlich 4 km/h fahren, dann brauchen wir ja nur 15 Stunden!!! Das motiviert ungemein...Reini schickt mir ein Luftbussi. „Wir schaffen das schon.“

Der Schweiß tropft uns vom Kinn, aber langsam werden die Beine warm. Eine Stunde später der erste Blick auf den Stausee. Wow! So weit haben wir uns schon hochgekurbelt? Die Freude steigt. Wir grinsen uns an und unsere Blicke verraten, dass wir ganz schön stolz sind, diese Etappe heute zu fahren. Es folgen viele weitere Serpentinen steil bergauf, über 4km/h kommen wir kaum hinaus. Zumindest fahren heute so gut wie keine Autos, die Hauptsaison ist vorüber.

 

Mittlerweile sind wir auf einer Hochebene auf 1500m Meereshöhe gelandet. Unendlich erscheinende Weiten, sanfte grüne Almen und eine traumhafte Straße, die sich durch diese Naturschönheit windet. Sind wir denn schon in der Mongolei gelandet? Oder in Zentralasien? Mit den Mundwinkeln bei den Ohren bleiben wir an jeder Kurve stehen, genießen den Ausblick und Reini schießt ein Traumfoto nach dem anderen. Mit einer vollen Dröhnung an Endorphinen fahren wir weiter und weiter. Die Landschaft ändert sich ständig, mittlerweile thronen gigantische Felsformationen am Horizont. Reinis Geologenherz kriegt sich fast nicht mehr ein vor Freude und als wir dann vor den senkrechten Faltungen stehen, ist sein Mund weit offen vor Staunen. Die Strapazen von heute Morgen und die müden Beine sind wie weggeblasen. Den letzten Anstieg zum Pass radeln wir fast wehmütig, wir wollen diese Gegend nicht verlassen. Das Lichtspiel am Himmel setzt die Aussicht noch einmal dramatisch in Szene und um unserer Gefühlsexplosion Ausdruck zu verleihen, tanzen wir wie zwei Affen über den Pass und singen dabei aus voller Kehle „Joooo, mia san mim Radl do!“

 

Wir haben es geschafft. Wir haben unseren inneren Schweinehund besiegt, haben unsere müden Beine dazu gebracht, diesen wundervollen Fleck Erde zu erradeln und stellen fest, dass in diesem Fall der Kopf die ausschlaggebende Kraft ist. Und der Durmitor Nationalpark hat alle Erwartungen um ein Vielfaches übertroffen.

BEGEGNUNGEN IN MONTENEGRO

Zwei Tage später fühlen sich die Beine wieder frisch an. Von Mojkovac geht es über Berane entlang einer kleinen Nebenstraße bis nach Rozaje. Um einen sicheren Zeltplatz zu finden, halten wir bei Kleinbauern an und fragen, ob wir auf ihren Feldern eine Nacht campieren dürfen. So lernen wir auch Slavica und Vaso kennen. Sie führen kurz vor Mojkovac eine kleine Landwirtschaft mit einer Kuh mit Kalb, einem Schwein mit Ferkel und bauen Obst und Gemüse für den Eigenbedarf an. Vor vier Jahren ist ihr Sohn bei einem Autounfall tödlich verunglückt, gibt Slavica uns zu verstehen, während sie uns in ihr Haus hereinwinkt. Auf den Wänden im Wohnzimmer hängen unzählige Bilder von ihm und ihr kommen immer wieder die Tränen. Vaso ertränkt seinen Kummer mit selbstgebrannten Rakjia, den sie in großen Mengen mit den eigenen Äpfeln ansetzen. „55% Alkohol“ erzählt er uns stolz und hält uns zwei volle Schnapsgläser vor die Nase. Slavica hat mittlerweile selbstgemachten Käse, Speck und eingelegte Paprika aus der Vorratskammer geholt und unsere Teller reichlich beladen. Sie verlässt noch einmal kurz das Haus und kommt mit drei Flaschen Bier zurück, die sie extra für uns gekauft hat.

Wir halten uns die Bäuche. Als wir zuvor unser Zelt aufgestellt hatten, haben wir bereits unser Essen gekocht, nichts ahnend von der netten Einladung, die uns bevorstehen würde. Vaso hatte uns zuvor mit seinem Auftreten eingeschüchtert und wir wurden Blind vor Vorurteilen: Als er uns zeigte, wo wir unser Zelt aufstellen könnten, hatte er bereits eine starke Alkoholfahne und ein etwas rabiates Gemüt. Die selbstgedrehte Zigarette klebte auf seiner Unterlippe während er mit uns sprach, bis sie dort wieder erlosch und ihm, ohne es wahrzunehmen, aus dem Mund fiel. Mit lautem Fuchteln hat er uns in sein Tomatengewächshaus gebracht, wo er uns mit strengen Worten zu verstehen gab, wir sollten seine guten Cocktailtomaten kosten. All das hat uns unsicher gemacht. Die zweideutigen Signale konnten wir nicht einschätzen und im Nachhinein ärgern wir uns, dass wir so schlecht über ihn gedacht hatten.

Nachdem wir all die Köstlichkeiten gegessen haben ist es schon dunkel geworden. Slavica versucht uns zu überzeugen, im Haus zu übernachten. Wir lehnen dankend ab, schließlich steht unser ganzes Hab und Gut am Feld und um die Uhrzeit noch mal alles zusammenzupacken wäre ganz schön umständlich. Sie gibt auf, gibt uns aber noch eine Lampe mit für den Weg zum Zelt und besteht darauf, dass wir morgen zu Kaffee und Frühstück wieder ins Haus kommen. Selig über diese tolle Begegnung willigen wir ein und legen uns mit überfüllten Bäuchen ins Zelt.

Zum Frühstück macht Slavica frische Uštipci (bei uns würde man Bauernkrapfen oder Kirchl sagen), serviert dazu wieder ihren Käse, Speck und Paprika und oben drauf gibt es noch selbstgemachte Marmelade. Die eingelegten Paprika sind so gut, dass sie uns sogar ihr Geheimrezept verrät. Unglaublich, was man alles besprechen kann, ohne ein Wort zu verstehen. Weil wir nicht aufessen können, was uns aufgetischt wurde, packt uns Slavica kurzerhand alles ein. „Ihr braucht das zum Radfahren“ meint sie und legt noch ein paar Speckscheiben oben drauf.

Mirella und Blašo lernen wir am nächsten Abend kennen, nachdem wir unser Zelt bei ihnen am Feld aufschlagen durften. Für ihre drei Jungs im Alter von drei, sechs und elf Jahren, die nach der Schule am Feld helfen, waren unsere Räder eine große Aufregung. „Dürfen wir mal damit fahren?“ fragen sie uns nach ein paar schüchternen Annäherungsversuchen. Reini packt die zwei Kleinen auf den Gepäcksträger und fährt mit ihnen ein paar Runden. Der Größte der drei Brüder kann schon selbst fahren und so schnell können wir gar nicht schauen, ist er schon den Hügel hochgefahren.

Am nächsten Morgen kommt Blašo zu unserem Zelt und lädt uns zum Frühstück ein. Seine Frau Mirella stammt ursprünglich aus Albanien und ist Katholikin, erzählt er uns stolz. Weil er das so oft betont haben wir die Vermutung, dass sie möglicherweise vom Islam konvertiert ist, um ihn zu heiraten. Mirella ist seine zweite Frau, mit seiner ersten hat Blašo auch drei Kinder. Wir bekommen Saft, Kaffee und einen vollen Teller mit selbstgemachten Käse und Speck serviert, der immer wieder aufgefüllt wird. Ein deftiges Frühstück. Zum Abschied meint Blašo, wenn wir nächstes Jahr wieder kommen, dann müssen wir aber im Haus schlafen und nicht mehr im Zelt.

In Rozaje gönnen wir uns einen Campingplatz. Eine Fehlentscheidung, denn hier machen wir unsere erste schlechte Erfahrung – mit den Betreibern (ein Ehepaar) und dem Platz an sich. Wir ekeln uns davor, zu duschen oder aufs Klo zu gehen, die Frau leidet an einem massiven Alkoholproblem und ihr Mann ist ein schrecklicher Choleriker. Wir bleiben trotzdem für eine Nacht. Acht Euro soll es kosten. In der Früh bringt er uns die Rechnung und verlangt mehr, als wir zuvor vereinbart hatten. Vorsichtig fragen wir nach, doch er brüllt uns bereits an, beschimpft uns, zerreißt die Rechnung und rauscht mit ihr im Auto davon. Ohne zu wissen, wie uns geschieht, stehen wir mit offenen Mündern alleine in ihrem Garten. Schade, dass der letzte Tag in Montenegro so beginnt.

KOSOVO

Die Stimmung wird langsam besser, während wir einen wunderschönen Bergpass hinauf radeln. Die Straße haben wir für uns alleine, wir fahren durch dichte Wälder und die Vorfreude auf den ersten Ausblick auf den Kosovo steigt. Zurecht! Oben angekommen werden wir mit einem weiten Panorama und einer langen Abfahrt belohnt. Hinter uns die Berge und vor uns die Ebene Kosovos. Neues Land, neues Glück!

 

Peja ist die erste Stadt, die uns richtig fordert. Lärm, hektischer und ungeregelter Verkehr und viele Menschen wuseln durch die Straßen. Am liebsten würden uns am Straßenrand hinsetzen und das Szenario beobachten. Wir wollen das Treiben hier nicht gleich wieder verlassen und nehmen uns spontan ein Hostel für die Nacht. Mitten im Trubel suchen wir uns eine Imbissbude und bekommen für insgesamt 8 Euro einen Grillteller mit Salat, Brot und zwei Bier (In Kosovo zahlt man mit Euro)! Das hektische Stadtleben rund um uns ist der pure Genuss und wir schlendern den ganzen Abend durch die Gassen.

 

Am nächsten Tag fahren wir weiter Richtung albanischer Grenze. Am Weg plündern wir jede Bäckerei, die wir finden können. Das beste Plundergepäck gibt’s hier für 30-40 Cent pro Stück!! So sehr wir uns auf Albanien freuen, der Kosovo hat uns in den 24 Stunden unseres Aufenthalts Lust auf mehr gemacht. Wir kommen wieder!


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Kommentare: 7
  • #1

    PM-Consulting (Montag, 08 Oktober 2018 18:20)

    ...super Bilder. tolle Beschreibung, weiterhin alle, alles Gute.
    Liebe Grüße, Peter & Siegi

  • #2

    Hermann (Montag, 08 Oktober 2018 21:21)

    Freue mich, wieder etwas von Euch zu lesen und die schönen Bilder zu sehen. Tolle Reiseberichte! Weiterhin gute Reise!

  • #3

    Angi & Reini (Sonntag, 14 Oktober 2018 16:39)

    Vielen Dank Peter, Siege und Hermann! Es freut uns, dass ihr immer mitliest :-)

  • #4

    Robert (Mittwoch, 17 Oktober 2018 19:17)

    Liest sich echt spannend und wieder super schöne Bilder. Freu mich schon auf Albanien. LG

  • #5

    enzo (Mittwoch, 31 Oktober 2018 17:32)

    lese mit Begeisterung eueren Blog. Gute und unfallfreie Reise weiterhin

  • #6

    Elisabeth (Samstag, 03 November 2018 08:02)

    Hey ihr zwei! Verfolge eure Reise fleißig mit und bin beeindruckt wie weit ihr schon gekommen seid und was ihr alles erlebt! :-)
    Wie gehts dir mit dem Heimweh Angi?
    Freu mich wenn ich bald mehr lesen darf. Bussi Elisabeth (Bakip)

  • #7

    Angi (Samstag, 03 November 2018 08:07)

    Hallo Lisi! Freu mich von dir zu hören! Noch habe ich überhaupt kein Heimweh. Wir haben uns immer wieder mit Freunden getroffen und zu Weihnachten kommen uns meine Eltern besuchen:-) Am meisten vermisse ich aber die Kleinen...!