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#2 Ungarn – vom nackten Mann und gutem Wein


Auf einen Blick:

  • Tage 14-23
  • 1200km
  • von Györ bis zur Kroatischen Grenze in Donji Miholjac
  • insgesamt ca. 300 Euro ausgegeben (wir haben unser Equipment etwas erweitert... ;))

Schon wieder Tränen, schon wieder Adieu sagen, schon wieder die Zweifel, ob man das überhaupt schafft - die Familie so lange nicht zu sehen, den ersten Schultag von Marie & Paul und den ersten Schritt von Isla zu verpassen. Die Zeit im Schloss ist wieder um und wir drücken alle für lange Zeit ein letztes Mal.

 

Die Tränen trocknen und der Radreiserhythmus gibt unserem Alltag wieder den Takt vor. Wir genießen das gleichmäßige Treten, die Unsicherheit, wo wir die Nacht verbringen werden und das selbstgekochte Essen aus unserem Campingkochtopf. Es braucht wirklich nicht viel, um zufrieden zu sein.

Auf der Strecke von Salzburg nach Györ saßen uns die täglichen Kilometer, die wir zurücklegen mussten, im Nacken. Wir wollen das ändern und nehmen uns 3 ganze Tage Zeit, um bis nach Budapest zu kommen, wo wir meinen Bruder und seine Familie noch einmal für einen Tag sehen werden.

 

In Ungarn ist es brütend heiß, es hat täglich fast 40 Grad. Wenn wir abends an der Donau zelten, gibt es immer zuerst eine Dusche im Wald. Der Wassersack ist göttlich! Doch bis wir es uns auf unseren Luftmatratzen bequem gemacht haben, sind wir schon wieder nass geschwitzt, auch wenn die Sonne bereits vor Stunden untergegangen ist. Selbst im Liegen drückt es uns den Schweiß aus allen Poren und das Einschlafen soll in der kommenden Woche noch zur allabendlichen Qual werden.

 

Heute ist Montag. Ab 15 Uhr können wir in Budapest unser Airbnb beziehen, das mein Bruder für zwei Nächte gebucht hat. ‚Schaffen wir locker’, denken wir, ‚sind heute ja nur mehr 50 Kilometer!’ Wir starten am späten Vormittag, vom Zeltabbau bereits völlig durchgeschwitzt, mit unseren Rädern an der Donau entlang Richtung Budapest. Wir finden ein schattiges Plätzchen an der Esztergom Basilika für unsere Mittagspause. „Wie weit ist es denn noch bis Budapest?“ fragt mich Reini. Nichts ahnend werfe ich einen Blick auf´s Handy. „Oh“, sag ich. „Da ist uns wohl ein kleiner Fehler unterlaufen. Es sind heute doch 100 anstatt der erwarteten 50 Kilometer!!“

 

Im Dunkeln radeln wir in Budapest ein. Erschöpft von der Hitze, von den vielen Kilometern und erleichtert, es doch heute noch geschafft zu haben, posieren wir vor dem imposant beleuchteten Parlament, als hätten wir bereits Neuseeland erreicht.

 

Wir saugen die letzten Familienstunden in Budapest in uns auf, trinken Bier, essen Eis und verdrängen den Moment der Verabschiedung. Wir lassen die Riemen unserer Räder bei einem Pinion-Spezialisten spannen, tauschen die Schnellspanner mit fixen Steckachsen aus und organisieren uns ein paar Ersatzschrauben.

Nach einem letzten Bummel durch den Gemüsemarkt ist es soweit. Wir müssen uns ein letztes Mal verabschieden. Schluchzend winken wir den Drei hinterher, als sie im Auto Richtung Flughafen losfahren. In genau einem Jahr planen wir, sie wieder zu sehen.

Am Mittwoch starten wir spät von unserem Airbnb. Es ist immer noch heiß, abends soll es gewittern. Immer noch folgen wir dem Eurovelo 6, der uns bis ans schwarze Meer leiten könnte. Wir wollen aber in Kroatien abbiegen und über viele kleine Umwege den Balkan erkunden. Die Gewitterwolken werden jetzt dichter, am Horizont sehen wir bereits, wie es blitz und donnert. „Wir haben immer so ein Glück!“ ruf ich zu Reini vor, der mir wie immer den besten Windschatten bietet. „Das Gewitter ist immer nur rund um uns, aber nie über uns!“ Hätte ich gewusst, was uns in den nächsten Stunden erwartet, hätte ich meine Worte zurückgehalten.

Nichts ahnend vor dem Unwetter.
Nichts ahnend vor dem Unwetter.

Wir fahren aus dem letzten Dorf hinaus und suchen uns neben dem Dammweg einen Platz für unser Zelt. Das Gewitter kommt immer näher, wir wollen noch vor dem Regen das Zelt gut aufgebaut haben, damit wir und unsere Taschen trocken bleiben. Kaum hat Reini die letzte Ecke mit einem Harring abgespannt und ich die letzte Tasche verstaut, bricht das Unwetter über uns herein. Es schüttet aus Kübeln. Innerhalb von Sekunden sind wir bis auf die Unterhose nass, die vielen Blitze und lauten Donner sind furchteinflößend. Völlig überfordert mit der Situation beschließen wir, das Zelt stehen zu lassen und mit den Rädern zum nächsten Haus zu fahren, um dort das Gewitter in Sicherheit abzuwarten. Es ist bereits dunkel und die Wege vom Regen überflutet. Wir erkennen ein Licht rechts vom Straßenrand. Da ist jemand zuhause, da finden wir bestimmt Schutz! Es ist ein altes, heruntergekommenes Bauernhaus, viel erkennen wir nicht mehr, die Regentropfen auf den Brillen lassen das Bild verschwimmen. Wie wild hämmern wir gegen den Eingang, rufen und versuchen uns bemerkbar zu machen. Im Haus läuft der Fernseher, aber das tobende Unwetter verschluckt jeden Laut. Wir stellen uns unter den Sonnenschirm, um zumindest das Gefühl zu haben, vom Regen geschützt zu sein. Doch die nächste Windböe zieht den Schirm in die Lüfte und er fliegt über das Haus drüber. Ich fühle mich wie in einem Film. Weil wir jetzt gar keinen Schutz mehr haben, rufen und hämmern wir noch lauter gegen die Fenster. Da sehen wir plötzlich einen alten, nackten Mann aufstehen. Er bemerkt uns, verschwindet kurz und kommt dann in weißer Unterhose auf uns zu. Er brüllt uns an, wir verstehen nicht so recht was er uns sagen will. Durch unsere nassen Brillen können wir ihn kaum erkennen. Es dauert aber dann doch nur wenige Sekunden um zu verstehen, was er uns sagen will. „OUT, OUT“ schreit er uns mit einer fuchtelnden Handbewegung in die Gesichter. Völlig perplex und erschrocken laufen wir zu unseren Rädern und fahren davon. Ein Blick zurück und wir sehen, wie er schon wieder nackt vor seinem Fernseher saß. ‚Lieber ohne Hose als mit Pistole’ dachten wir uns und sind heilfroh, mit einem blauen Auge davon gekommen zu sein. Unter dem Dach einer alten Ruine schützen wir uns vor dem Regen und versuchen uns langsam wieder zu beruhigen.

Der Regen wird weniger, das Unwetter scheint sich zu entfernen. Wir fahren zum Zelt zurück und sind erleichtert, dass unser Zelt nicht geflutet ist. Das Unwetter braut sich erneut über uns auf und in unserer Verzweiflung halten wir ein Auto an. Der Fahrer versteht nicht was wir wollen, wir nicht was er uns sagen will und schließlich steigen wir beim nächsten Haus wieder aus. In der Hoffnung dort Schutz zu bekommen, werden wir von den Wachhunden angebellt und haben keine Chance, zum Hauseingang zu gelangen, um auf uns aufmerksam zu machen. Langsam wissen wir gar nicht mehr wohin, was tun und wie mit der Situation umzugehen. Wir trotten im Regen zurück zum Zelt. „Mir reicht’s, wir bleiben die Nacht im Zelt, das nächste Unwetter wird schon nicht zu uns ziehen“ sage ich entnervt. Die Entscheidung ist gefallen, wir bleiben hier und schlafen im Zelt.

„Heellooooo! Hello! Hello!“ Oh nein bitte nicht – will uns hier jemand verjagen? Dürfen wir hier nicht zelten? Natürlich dürfen wir hier nicht zelten, aber ist da jetzt jemand, der uns vertreibt? Wir gehen zum Damm hinauf und sehen einen Radfahrer. Er hat unsere Taschenlampen gesehen und möchte uns helfen. Wie soll es anders sein, er versteht kein Wort Englisch, wir kein Wort Ungarisch. Trotzdem macht er keine Anzeichen uns mit Händen und Füßen zu erklären, was er uns sagen will. Er redet mit uns, als wenn wir alles verstehen würden. Unser tanzen und verrenken bringt alles nichts, er redet einfach im Hochgeschwindigkeitstempo auf Ungarisch weiter.  Selbst Google Translater hilft uns nicht weiter. Wir geben auf, schütteln ihm die Hände, bedanken uns für seine (versuchte) Hilfe und kriechen wieder ins Zelt.

„Hallloooo! Hallo! Hallo!“ ruft es erneut vom Damm zu uns runter. Bitte, kann dieser Abend einfach zu Ende gehen? In welchem Albtraum sind wir gelandet? Es ist wieder der Radfahrer. Reini läuft zu ihm hoch. Wie auch immer er es geschafft hat, er gab uns zu verstehen, wir sollen unsere Sachen packen und mit ihm mitkommen. Wirklich?? Wir freuen uns wie Kinder, endlich erbarmt sich jemand unserer Situation und nimmt uns mit! In Rekordtempo ist das nasse Zelt abgebaut und die Räder wieder bepackt. Gemeinsam drücken wir die Räder hinauf auf den Dammweg und radeln ihm hoffnungsvoll hinterher. Es regnet kaum noch und das Gewitter verzieht sich langsam. Eigentlich hätten wir auch im Zelt übernachten können, aber Hilfe nimmt man immer gerne an. Besonders in solchen Situationen. Nach ca. 15 Minuten radeln bleibt er vor einem Tor stehen. „Hier sind wir! Zivilisation!“ gibt er uns mit einem stolzen, freudigen Gesicht zu verstehen. Wir stehen am Tor vor einem Campingplatz. Reini bricht in sich zusammen. Die Enttäuschung verbergend fallen wir ihm um den Hals und bedanken uns tausend Mal für seine Hilfe. Ein Campingplatz ist allerdings das Letzte, das uns jetzt, wo das Gewitter vorbei ist, Erleichterung bringt.

Wir bauen das Zelt auf, zahlen 5 Euro und kriechen todmüde in die Schlafsäcke. What a night.

Die restlichen Tage in Ungarn sind zum Glück weniger spektakulär. Traumhafte Wildcamping-Plätze verwöhnen uns mit ausgiebig Schlaf und einem entspanntem Gemüt. Wir folgen dem Tipp eines Einheimischen, in die Wachau Ungarns zu fahren. Wir genießen die ersten Hügel, füllen unsere Taschen mit Weintrauben und kaufen uns eine Flasche Weißwein. Schließlich gibt es was zu feiern: heute haben wir unsere ersten 1000 Kilometer geschafft!! Und zusätzlich werden wir gleich die Grenze nach Kroatien überqueren. Kroatien ist unser viertes Land! Stolz auf unsere Leistungen, finden wir ein weiteres Traumplätzchen an der Drau, dem Grenzfluss zwischen Kroatien und Ungarn. Auf perfektem Sandstrand stellen wir das Zelt auf und nippen köstlichen Wein aus dem Email-Becher.

 

Ungarn, du warst aufregend und öde zugleich, hast uns deine Bewohner von der schlechten und der besten Seite gezeigt und uns viele schöne Radkilometer beschert. Aber wir sind bereit für Kroatien! Szia!

 

Angi


Schon das Video über unsere Zeit in Ungarn gesehen?

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Kommentare: 8
  • #1

    Sigrid Birgmann (Sonntag, 12 August 2018)

    Ihr Lieben!
    Ich bewundere Euch! Danke, daß Ihr mich (alte Tante) an Eurem Abenteuer teilhaben
    lasst. Ich drück Euch die Daumen und denke ganz fest an Euch. Geht niemals ein Risiko ein, aber genießt jeden Tag.
    Weiterhin eine gute Zeit und viele schöne Eindrücke,
    Alles Liebe Sigrid

  • #2

    Andi B. (Montag, 13 August 2018 06:19)

    Na, da habt ihr aber schon einiges erlebt ;) viel Glück weiterhin!

  • #3

    Klaus-huber@gmx.at (Montag, 13 August 2018 09:03)

    Wahnsinn, super Story und Photos. Ich denke oft an euch. Weiterhin viel Spaß und Kraft. Lg aus der Stadt der Mozartkugel��

  • #4

    Doris R. (Montag, 13 August 2018 19:46)

    Ich bin begeistert, ein wenig neidisch und gleichzeitig auch froh, zuhause im Warmen zu sitzen, wenn ich lese, wie es euch ergeht!
    Weiterhin alles Gute! :)

  • #5

    Charlotte Zerz (Mittwoch, 15 August 2018 08:38)

    Mann oh Mann, da braucht man eine gehörige Portion Sisu (Durchhaltevermögen, Zähigkeit), wie die Finnen sagen. Ich wünsche euch, dass ihr das weiterhin schafft und mit Optimismus und Freude auch schlimmen Situationen etwas abgewinnen könnt!

  • #6

    Heide (Mittwoch, 15 August 2018 22:45)

    Und genau deshalb macht ihr diese Reise - oder?!
    Ich wünsche euch weiterhin alles Gute!

  • #7

    Alexandra & Markus Kumpfmüller (Sonntag, 19 August 2018 15:04)

    Liebe Angi! Alles gute zu deinem Geburtstag! Eure Reise ist ja jetzt schon ziemlich aufregend. Und so wie du schreibst, könnte daraus ein richtig gutes Buch werden - vielleich ja auch ein Film...! Wir wünschen euch noch viele schöne und interessante Erlebnisse, Kraft und weiterhin die Motivation und den Spass den ihr habt! Alles Liebe!

  • #8

    Reini & Angi (Donnerstag, 23 August 2018 18:41)

    @Sigrid: Wir freuen uns, dass du unserer Reise folgst und immer am Laufenden bist :-) Liebe Grüße Nachhause!

    @Andi B.: Es wird nicht langweilig! Aber wem sagen wir das ;)

    @Klaus Huber: Danke!! Wie gerne hätten wir jetzt Mozartkugeln �

    @Doris: seit wir unterwegs sind ist jede Nacht, die wir indoor verbringen können, etwas ganz Besonderes! Manchmal ist eine Couch eben genau das, was man braucht :-)

    @Lotte: ja, Sisu braucht’s! Wir schicken dir viele Bussis nach Wien�

    @Heide: ohhhja! Das gehört dazu!

    @Alexandra & Markus: wir haben euch ja schon gesagt wie sehr wir uns freuen, dass ihr hier ein bisschen mitlest �� viele Grüße an euch beide �