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#1 Mit vielen Tränen und rotem Hintern von Salzburg nach Györ/Ungarn


Auf einen Blick:

  • Tage 1-7
  • 580km
  • von Salzburg bis Györ/Ungarn
  • rund 50 Euro ausgegeben


„Und, wohin geht´s?“ ruft uns ein Radfahrer zu, den wir am Donauradweg überholen. „Nach Neuseeland“ entgegnen wir. Er beginnt schallend zu Lachen und ruft nur „Ha! Der war gut!“ bevor er uns noch einmal zuwinkt und in die nächste Straße biegt.

 

Es klingt absurd. Wir sind keine zwei Tage von Salzburg entfernt und erzählen von unserem großen Ziel: Neuseeland. Je weiter wir uns von zuhause entfernen, desto ungreifbarer wird unser Unternehmen, desto absurder wirkt die Realisierung unseres großen Abenteuers. Kann man kurz vor Wien schon sagen, man fährt nach Neuseeland? Wir ernten wohl zu recht Blicke, die uns zu verstehen geben: „Die spinnen“.

 

Die ersten Tage entlang der Donau kommen mir immer wieder die Tränen. Der Abschied am Sonntag von Salzburg war viel härter als gedacht. Unsere Familie und Freunde haben uns gewunken, uns am Straßenrand mit Fahnen und Trommelwirbel zugejubelt oder uns einige Kilometer mit dem Rad begleitet. Erst am Ende des ersten Tages sind nur noch Reini und ich in Begleitung von Luki übrig, der uns noch bis Linz begleitet. Ich bekomm die ersten zwei Tage keinen Bissen runter, habe abwechselnd Bauch- und Heulkrämpfe (Danke NicaPur, eure Nährstoffe haben mir an den ersten zwei Tagen das Leben gerettet!) . Erst die leckeren Nudeln von Reinis Freund Paul, der uns in Linz nach Strich und Faden verwöhnt, erobern meinen Appetit zurück.

 

 

Luki und Paul: vielen Dank an euch beide! Ihr habt uns den Start so unglaublich erleichtert.

 

Und dann sind da nur noch wir beide, unsere Räder und die Welt.

Der Donau entlang geht es wie in Trance stetig bergab. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit erreicht über 20kmh, wir fühlen uns wie Weltmeister. Auch wenn uns alle anderen (pensionierten, dickbäuchigen) Radfahrer überholen – wir sind stolz auf unsere untrainierten Wadeln, die täglich über 90km treten. Unsere Räder sind schließlich gut beladen, wenn auch für Radweltreisende nicht übermäßig schwer. Mein Gepäck wiegt in etwa 23kg plus Essen für 1-2 Tage und Reinis Taschen bringen es auf 36kg. So lange wir an der Donau kontinuierlich bergab fahren, ist das Gewicht in Ordnung. Frage nicht, wenn die erste ernstzunehmende Steigung vor uns auftaucht!

 

Heute hat es 32 Grad, am Donau-Damm kurz vor Wien gibt es kaum Bäume und der Asphalt glüht in der Mittagshitze. Keiner geht hier gerne spazieren, ohne Fahrtwind wäre es unerträglich. Dass an Christianes Rad etwas nicht stimmen kann, war uns also gleich klar. Sie schiebt ihr Mountainbike vor sich hin, der nächste Ort bestimmt noch 5km entfernt. „Können wir helfen?“ fragt Reini. Überglücklich uns anzutreffen hüpft uns Christiane förmlich entgegen und ruft „Jo mei bitte, i glaub i hob an Botschn!“  Nichts leichter als das für Meister Reini – unter dem einzigen Baum, vor der Sonne geschützt, ist der Schlauch im Nu repariert. Christiane kann ihr Glück kaum fassen und lädt uns im nächsten Ort zu Cola und Kuchen ein. Wir unterhalten uns prächtig und freuen uns, dass der Dorn im Reifen steckte und uns diese tolle Begegnung bescherte.

 

 

Unter großen Hintern-Schmerzen (Danke Apotheke Oberalm, eure Salben wirken Wunder!) schaffen wir es Donnerstag Abend nach Wien, wo wir bei Freunden übernachten dürfen. Die Wiedersehensfreude lässt die Anstrengung des Tages und die Aufregung über unser bevorstehendes Radiointerview vergessen.

 

Bei der FM4 Morning-Show angekommen, zittern unsere Knie. Plötzlich steht man mitten in der Radiosendung, die man selbst seit Jahren täglich hört. „Die Radiostimme spricht mit mir“ flüstert mir Reini ins Ohr. Ja! Stuart Freeman steht vor uns, schüttelt uns die Hand und freut sich, uns zu sehen. Kann uns mal jemand zwicken bitte? Das Interview läuft blenden. Geiles Erlebnis!

 

Vom ORF Funkhaus geht es weiter an der Donau bis kurz nach Bratislava. Wir lassen die erste Landesgrenze hinter uns und sind nun in der Slowakei!

Es sind schon wieder über 90 km, es ist bereits halb 9 am Abend und ich bin völlig erschöpft. Können wir bitte einfach nur mehr das Zelt irgendwo aufstellen und schlafen? Während wir stehen und uns über einen Zeltplatz beraten, kommt Miroslav auf uns zugefahren und fragt, ob er uns helfen kann. „Ja bitte, wir suchen einen Platz wo uns keiner sieht! Wir wollen unser Zelt möglichst bald aufstellen.“ Er schaut uns fragend an – das weiß er auch nicht. Nach ein paar zögernden Blicken sagt er nur „Ich weiß zwar nicht, wo ihr euer Zelt aufstellen könnt, aber ich kenne einen Ort, da bräuchtet ihr gar kein Zelt. Mein Hausboot hier um die Ecke!“ Ich breche innerlich in mich zusammen. Ist das hier der Himmel auf Erden?

Miroslav ist Anfang 30 und ehemaliger Tennisprofi. Nach ein paar Bier auf seiner Hausboot-Terrasse erzählt er uns, dass er vor einigen Jahren den damals 18-jährigen Dominik Thiem zwei Mal bei einem Turnier besiegt habe und er selbst unter den Top 200 auf der Weltrangliste war. Unendlich beeindruckt von Miroslav und unendlich Dankbar über diesen Zufall fallen wir todmüde ins Bett.

 

Mittlerweile ist Samstag, der 21. Juli 2018. Heute wollen wir es bis Györ schaffen, weil dort das große, einwöchige Hinteregger-Familienevent startet! In einem Schloss! Da können wir unmöglich erst am Sonntag ankommen J

Der Tag beginnt ganz harmlos mit Frühstück an der Donau, die Überschreitung der ungarischen Grenze und langen, eintönigen Damm-Wegen. Erschöpft von den Anstrengungen der letzten Tage gönnen wir uns eine 2,5-stündige Mittagspause neben der Straße. Das Mittagsschläfchen war dringend notwendig! Es geht weiter durch das ungarische Nirgendwo. Ohne es zu ahnen, landen wir auf einer Autostraße, wo Radfahren verboten ist. Shit. Weil es keine Alternative gibt, treten wir die nächsten 5km kräftig in die Pedale, um hier so schnell wie möglich wieder wegzukommen. Zum Glück sagt uns Google Maps, dass wir die nächste Straße rechts abbiegen können. Ok, ist zwar Schotter, aber egal. Hauptsache weg von der Autostraße. Der Schotterweg ist Anfangs noch gut zu befahren, am Horizont sehen wir schon kräftige Unwetter herbeiziehen. Nach ein paar Kilometer wird der Schotterweg immer enger. Der Weg wird so verwildert, dass wir uns fragen, wie Googel Maps überhaupt noch behaupten kann, hier sei eine Straße! Ich bin schon völlig entnervt und müde. Doch der Weg wird immer dichter, bis er letztendlich nur mehr ein 2 Meter hohes Maisfeld ist, durch das wir uns durchkämpfen müssen. Ein beklemmendes Gefühl, wenn man rundherum nichts anderes als Mais sehen kann. Fix und fertig schaffen wir es nach wenigen Kilometern wieder aus dem Maisfeld hinaus, rundherum donnert es bereits. Die Brombeerstaude am Ende des Weges entschädigt für die Strapazen und wir können über die Maisfeldstraße schon fast wieder lachen.

Das Unwetter erreicht uns dann aber doch noch, die starken Windböen fegen uns beinahe von den Rädern. Eine Dorf-Fußballtribüne bietet uns Schutz, bis das Unwetter über uns hinweggezogen ist. Die letzten 20km bis zum Familientreffpunkt fahren wir im Halbdunklen und quälen uns mit den letzten Kräften bis zur Schlosseinfahrt.

 

Ich falle Mama und Papa über den Hals. Jetzt erwartet uns sieben Tage herrschaftlicher Familien-Luxus.

 

 

 

Angi

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Kommentare: 12
  • #1

    Michaela Walter (Dienstag, 24 Juli 2018 15:28)

    Genau so laufen die Weitradler-Reisen ab! Ein Mix aus unterschiedlichsten Erlebnissen und Gefühlen, aber es zahlt sich aus durchzuhalten! Wir können aus familiären/beruflichen Gründen nicht so lang aussteigen, haben aber schon viele Trekking-km abgeradelt und verfolgen eure Reise voller Sehnsucht. Fahrt immer weiter... Übrigens, das mit den Hintern wird immer besser!
    LG Michaela und Georg aus Seekirchen

  • #2

    Steffi (Dienstag, 24 Juli 2018 15:52)

    Eure Einträge sind wie die Kapitel eines Romans, bei dem ich mich jedes Mal auf das nächste freue. Also bitte um regelmäßigen Nachschub :-) Alles Liebe <3

  • #3

    Andi B. (Dienstag, 24 Juli 2018 20:22)

    super blogpost! eure erste woche ist auf jeden fall spannender als unsere es damals war :) ich freu mich auf mehr! alles gute weiterhin, ich fiebere richtig mit euch mit.
    andi

  • #4

    Angi & Reini (Dienstag, 24 Juli 2018 21:39)

    @Michaela Walter: Wir freuen uns, wenn wir ein paar Radreisegefühle nach Seekirchen bringen können! Und danke für die Hintern-Motivation :) Beruhigend zu wissen!!

    @Steffi: Danke für die Blumen. Das nächste Kapitel kommt bestimmt <3

    @Andi B.: wir fühlen uns geehrt, dass du nun auch unsere Reise so fieberhaft mitverfolgst, wie wir das bei eurer Mammut-Tour gemacht haben!! Wenn wir zurück sind müssen wir kräftig anstoßen :)

  • #5

    Christian (Mittwoch, 25 Juli 2018 09:11)

    Viel Spaß euch beiden. Es schön von eurem Abenteuer zu lesen. :-)

  • #6

    peter moser (Mittwoch, 25 Juli 2018 14:48)

    gratuliere zu Eurem 1. Ziel.! Perfekt. L.G. Peter

  • #7

    Robert (Mittwoch, 25 Juli 2018 21:08)

    Hi ihr Lieben,

    wir kennen uns nicht. Bin durch FM4 auf eure coole Idee aufmerksam geworden. Super Sache. Bin mal 2003 von Salzburg nach Istanbul geradelt und war rückwirkend wohl das tollste Abenteuer bisher und bin sonst auch schon viel gereist :) Ich wünsch euch viele nette Begegnungen und immer flexibel bleiben, was Reiseziel, Ernährung usw betrifft.

    Ja soviel kann man jeden wertvollen Tag erleben. Make it count! Alles Gute!

  • #8

    Markus (Donnerstag, 26 Juli 2018 23:18)

    Hallo ihr beiden!
    Auch ich habe das erste Mal auf FM4 von eurem Abenteuer gehört und finde es echt Mega, was ihr macht. Wünsche euch alles Gute, viel Mut, schönste Erlebnisse, beste Eindrücke und ganz viel Spaß, auch wenn vieles mal “Scheiße“ ist oder ihr eine “Untergangsstimmung“ miterlebt. ... Liebe Grüße

  • #9

    Hermann (Freitag, 27 Juli 2018 20:31)

    Freue mich sehr, dass ihr gut gestartet seid. Die Fahrt durch das Maisfeld kling schon einmal recht abenteuerlich. Weiterhin alles Gute!

  • #10

    Elisabeth Ebner (Sonntag, 29 Juli 2018 18:25)

    Hey Angi- machts weiter so! Verfolg euren Blog fleißig und find super dass ihr euch da drüber traut- das ist mal ein Abenteuer!!
    Wenns wieder da seits is unser Haus scho fertig- da könnts dann bei uns ausspannen ;-)

    Alles Liebe euch zwei!
    Bussal Lisi

  • #11

    Silke B. (Freitag, 03 August 2018 14:48)

    Hallo ihr Weltenbummler!
    Egal wie euer Trip ausgehen mag, von Herzen alles alles Gute, Durchhaltevermögen und Zuversicht auf eurem Weg. Bin so beeindruckt von eurer Idee, Neuseeland -bitte wie geil ist das denn!?? Bitte unbedingt weitermachen mit diesem Blog, damit ihr uns auf dem Laufenden haltet... Beste Grüße aus Amstetten und KEEP ON ROLLING

  • #12

    Angi & Reini (Freitag, 03 August 2018 20:50)

    Vielen vielen lieben Dank für eure motivierenden Kommentare!! Wir freuen uns, dass ihr unserem Abenteuer folgt und wir euch mit unseren Geschichten ein bisschen auf unser Abenteuer mitnehmen können. Und wer weiß, vielleicht inspiriert es den einen oder anderen sein eigenes Abenteuer (in welcher Form auch immer) zu starten :-)